MARIO PALM |
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Was soll man malen? Was soll man sagen?
Kürzlich fragte mich jemand, warum ich eine so rührselige romantische Waldhütte, wie sie auf einem meiner Bilder zu sehen ist, auf eine häßliche karierte Tischdecke male. Eine wirklich interessante Frage dachte ich und wollte mir, wie ich es üblicherweise tue, viel Mühe bei ihrer Beantwortung geben. Ich dachte also nach. Da ich nach mehrminütigem Auf- und Abwägen zu keiner gültigen, mich in allen Argumenten und Gegenargumenten überzeugenden Lösung einer Antwort kam, bat ich meinen Gesprächspartner um Nachsicht und um etwas Zeit, daß ich mich intensiver seiner Frage und einer Antwort auf dieselbe widmen könne.
Nach zwei Wochen trafen wir uns wieder. Ich sagte, ich habe da eine Antwort, nur weiß ich nicht, ob er mit ihr zufrieden sein wird. Und ob ich sie ihm vortragen dürfe, fragte ich. Er bat darum.
Nun sagte ich, hierbei handele es sich um einen schwierigen Prozeß. Kunst ist ja nicht so etwas wie ein Päckchen Kaffee oder Bananen, die man einfach kaufen kann, und dann hat man’s. Nein, Kunst sei komplizierter, man muß sie sich erarbeiten. Da steckt ja mehr dahinter, sage ich, das ist nicht so einfach. Der eine mag Karos, der andere nicht. Das ist wie mit Blau und Rot. Der eine sieht rot, der andere ist blau. Kleiner Scherz, er wisse schon, was ich meine. Es geht ja hier nicht um eine einfache Hütte auf kariertem Grund. Nein, da wird ja etwas suggeriert, projiziert oder besser impliziert, was auf den ersten Blick gar nicht zu sehen ist, auch nicht auf den zweiten. Nicht mal zu ahnen, füge ich hinzu. Erst viel später, quasi wenn man das Leben fast hinter sich hat, wird einem klar, was sich hinter einem schlichten Motiv wie einer Waldhütte auf kariertem Grund alles verbirgt. Die Wahrheit steckt hinter dem Bild. Wie um meine Aussage zu unterstreichen, lupfe ich die Leinwand ein wenig von der Wand. Und außerdem vermute ich, hinter seiner Frage verstecke sich mehr, als was er eigentlich zu fragen vorgibt. Will er mich gar auf’s Glatteis jagen, mich vielleicht in Widersprüche verwickeln, so daß ich in einem schlechten Licht dastehe? Nein, so einfach kann man mich nicht irritieren. Es ist ja so. Ein Maler steckt seine ganze Kraft, seine gesamte Lebensenergie in seine Bilder. Man muß ja auch mal sehen, was das kostet, so eine Leinwand, Farbe, Pinsel usw.
Um aber konkreter auf seine Frage einzugehen, sage ich, schauen wir uns das Bild mal genauer an. Da ist dieses wunderschöne Blau im Himmel, ein bißchen Gelb, ein bißchen Grau, wie im richtigen Himmel. Das Haus ist etwas schief und hat unter all dem miesen Wetter schon gelitten. Das ist ja nicht nur warm und kalt, Eis und Schnee und die ganze sengende Hitze, nein, auch Sturm und Regen. So sieht eben eine Hütte im Wald aus. Da sind Bäume und Büsche, Gras und Sträucher, wie man sie im Wald sieht. Wo aber kommen die bunten Karos her? Blaue, rote, ockerne, türkisene, grüne und zitronengelbe. Keine Ahnung. Ich vermute, die kommen aus meinem Inneren. Das ist die Bodenständigkeit, die man mir immer nachsagt, die Volksverbundenheit. Man kennt ja die karierten Tischtücher in Bauernstuben oder die Vorhänge an den Fenstern. Zumal ich in einer Arbeiter- und Bauernrepublik aufgewachsen bin. Ich habe mich nie als Elite gefühlt. Nein, wir Künstler standen dem Volk immer sehr nah, versuchten ihre Sprache zu sprechen. Das einfache Leben kann auch schön sein. Wie eben kariert. Von wegen häßlich. Schön!
Ob er denn zufrieden sei, fragte ich, ich hätte mir alle erdenkliche Mühe gegeben. Mehr vermag ich nicht zu leisten. Weder als Maler, noch - was seine Frage betrifft - als Antwortender. Ja, sagte er mit sanfter Stimme, wies auf seine Uhr und gab mir zu verstehen, daß er jetzt in Eile sei. Wir könnten ja zu einem späteren, günstigeren Zeitpunkt noch einige Worte mehr wechseln. Zufrieden lehnte ich mich in meinem Sessel zurück.
Tja, dachte ich, sie sind selten die aufrichtigen Menschen. Ein Jammer, würden sie aussterben.